Sonntag, 23. April 2017

Das gebrochene Herz: Essen und ich

Das Ende einer Beziehung kann einen unterschiedlich treffen. Manchmal gibt es ein einschneidendes Erlebnis, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor. Oft wird ein abruptes Ende dadurch herbeigeführt. Es gibt jedoch auch die Beziehungen, bei denen man irgendwann merkt, dass die Luft raus ist. Tag für Tag ist ein bisschen Liebe abhandengekommen und irgendwann stellt man fest, dass kaum noch etwas übrig ist. So erging es mir mit meiner Liebe zum Essen. Während ich 2014 noch entsetzt darüber war, dass so etwas passieren konnte, ist es mir jetzt selbst passiert. Aber beginnen wir mit dem Anfang, vermutlich 2012.

Ich führte damals eine Beziehung der Hass-Liebe zu Essen. Einerseits liebte ich gutes Essen und hätte am liebsten jederzeit alles und in unbegrenzten Mengen gefuttert. Gleichzeitig war ich bestrebt, meine Figur zu halten. Ich wusste, dass ich auf Süßigkeiten hätte verzichten sollen, zu viel Fett nicht gut für meine Kalorienbilanz war (damals habe ich Obst und Gemüse tatsächlich nur gegessen, weil sie eine geringere Kalorienzahl hatten!) und Kohlenhydrate ja sowieso böse. Zudem wohnte ich zum ersten Mal allein und merkte, wie schrecklich ich es fand, Fleisch zuzubereiten, genoss Fleisch bei meinen Eltern aber noch als ganz normalen Teil der Nahrung. Meine Gedanken drehten sich einen großen Teil des Tages um Essen: 
War die Portion beim Frühstück okay oder hätte ich die Haferflocken doch besser abwiegen sollen? Mist, jetzt habe ich von dem Nudelauflauf doch wieder mehrere Portionen gegessen, obwohl ich doch weniger nehmen wollte! Manno, durch den Schokoriegel vorhin habe ich mir bestimmt meine Kalorienbilanz für heute versaut!

essen nicht mehr wichtig
Wenn ich diese Gedanken heute aufschreibe, muss ich fast lachen. Es erscheint mir komisch, dass das Essen mal einen so hohen Stellenwert in meinem Leben hatte. Diese Erkenntnis ist bittersüß. Einerseits bin ich mir manchmal nicht sicher, ob ich dadurch nicht etwas Elementares verloren habe. Ich kann mich nicht mehr so sehr für Essen begeistern. Familienfeste, zu denen lecker und viel gegessen wird, erfüllen mich nicht mehr mit derselben Vorfreude wie damals. Meine Liebe zum Kochen und Backen ist zurückgegangen. Ich mache beides immer noch viel und gern, aber immer öfter schleicht sich dabei langweilige Routine ein. Essen ist für mich oft nur noch "Nahrung fassen". Ich weiß, wie wichtig es ist, dass ich genug esse und mich gesund ernähre. Und selbstverständlich ist es mir immer noch wichtig, dass mir mein Essen schmeckt. Aber es fühlt sich ein bisschen so an, wie wenn man nach einer länger zurückliegenden Trennung an den Expartner denkt. Man lächelt vielleicht über die Zeit, die man zusammen verbracht hat, aber gleichzeitig ist man froh darüber, dass jetzt alles anders ist.

essen nicht mehr wichtig
Für das Ende dieser Beziehung mit Essen ist vermutlich (mal wieder) das Intuitive Essen verantwortlich. Denn ein Teil meiner Liebe zum Essen nährte sich damals daraus, dass ich mir Essen selbst verbat. Ich durfte so vieles nicht, obwohl es mir gut schmeckte und mich (damals) glücklich machte. Kein Wunder, dass es dadurch umso interessanter und wichtiger wurde. Aber seit ich das Intuitive Essen für mich entdeckte, gelang es mir Schritt für Schritt, mir das Essen uneingeschränkt zu erlauben. Gleichzeitig lernte ich, mehr und mehr auf meine körperlichen Zeichen zu achten: Hunger, Sättigung, Zufriedenheit. Ich esse nicht mehr länger gegen innere Verbote und das schlechte Gewissen an. Ich esse, weil ich hungrig bin, ich esse, auf was ich Lust habe und ich esse, bis ich satt bin. So sehr ich mich manchmal nach der Begeisterung sehne, die ich einst für Essen aufbringen konnte, muss ich doch sagen, dass ich diese Entwicklung nicht rückgängig machen möchte. Denn mein innerer Hunger ist heutzutage gestillt. Und so sehr man alte Beziehungen schätzen kann: Manchmal ist es eben Zeit für etwas Neues.

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